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Lambert
Lambert: I Am Not Lambert
Lambert ist zurück. Oder vielleicht ist er nie weg gewesen. Vielleicht war er auch nie da. Nachforschungen sind ohnehin zwecklos, man müsste ihn erst aufspüren. Und könnte man sicher sein, dass er es ist, der da in der sardischen Maske steckt, und nicht ein gewiefter Betrüger? Spielt das überhaupt eine Rolle, wenn die Fakten für sich sprechen? Lambert ist zurück. Er veröffentlicht ein neues Album. Er hat es I AM NOT LAMBERT genannt.
Fangen wir also dort an. I AM NOT LAMBERT ist klassischer Lambert und steht für die einfallsreiche Vielseitigkeit, für die der in Berlin lebende Pianist, Komponist und Produzent seit zwölf Jahren gelobt wird. Zugleich ist das Album ganz anders, denn es ist sein erstes mit nennenswertem Gesang. „Meine Musik war schon immer songorientiert”, sagt er. „Es fühlte sich natürlich an auszuprobieren, ob das so gut funktioniert, wie ich glaubte. Songs sind ein großer Teil dessen, was ich höre, also bin ich mit dieser Musik einfach … ich weiß nicht … ehrlich?”
Tatsächlich beginnt I AM NOT LAMBERT mit Lambert, der in teils vocodierten Zungen singt, umgeben vom sanften Flattern von „Spirit”. Die Australierin Kat Frankie leiht dem hauchzarten „So Unkind” ihre gedämpfte Stimme, und der alte Freund Dekker legt Harmonien über die soulige Gelassenheit von „The Sum”, bis sie sich zu einem Prince-artigen Bekenntnis steigern. Dazu kommt Goodwin (Rob von The Slow Show), dessen verwitterter Bariton auf dem niederschmetternden „Hurts Like You” unwillkürlich den Geist von Lambchops Is A Woman wieder aufleben lässt. Doch keiner dieser drei ist Lambert.
Auch die regelmäßigen Weggefährten sind es nicht: Daniel Schaub (Gitarren, Bass, Schlagzeug), Marie-Claire Schlameus (Cello) und Ralph Heidel (Saxofon, Klarinette, Flöte). Heidel verleiht Stücken wie dem ergreifenden „All At Once” weich getönte Schattierungen und ist außerdem auf dem eleganten „The Garage” zu hören, während Schlameus auf „Parthenope” eine prominente Rolle spielt: Die Oberstimme des Klaviers ist von Paolo Sorrentinos Film inspiriert, die tieferen Töne ticken wie ein Uhrwerk. Lambert selbst setzt sich bei „We’ll Be Safe Here”, „The Sum”, „The Garage” und „The Chase” sogar hinters Schlagzeug, wobei „The Chase” klingt, als würde John Carpenter mit Debussy ringen, bevor ein flinker Schritt zur Seite folgt.
Ist das der Lambert, den wir kennen?
„I AM NOT LAMBERT”, verkündet das Artwork. „Ich bin viele”, antwortet die Musik. Neben Anklängen an Begeisterungen der Nullerjahre (Bright Eyes, Fiona Apple, Jon Brions Score zu Eternal Sunshine) finden sich also Hinweise auf eine Leidenschaft für Jazz, die noch aus der Zeit stammt, bevor Lambert Lambert war, und die fester Bestandteil seines langjährigen Podcasts mit dem Musiker Felix Weigt ist. „We’ll Be Safe Here” zeigt ein behändes Rhodes, und „Gingerly” verbindet kammermusikalische Intimität mit Fingerfertigkeit, um die Oscar Peterson ihn beneiden würde. Ein weiterer alter Freund, Kenny Warren – nein, auch er ist nicht Lambert –, steuert Trompete zum trägen „You Don’t Like Me” bei, während „It Will Happen Either Way” so zerbrechlich ist wie Porzellan.
Wie ein Maestro, der zwischen Dur und Moll wechselt, spielt Lambert inzwischen seit neun Alben mit Vorstellungen von Identität, auch wenn seine Maske ursprünglich aus dem Wunsch entstand, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. „Ich wollte nicht, dass die Leute irgendetwas über mich wissen”, gesteht er über sein selbstbetiteltes Debüt von 2014. „Ich wollte einen sauberen Neuanfang.” Doch dieses Kopfstück wurde zum Emblem und zum Lockmittel, und als Lambert zum „Mann mit der Maske” wurde, stand ihm das ganz gut.
„Ich musste viel darüber reden, aber es hat mir nichts ausgemacht”, erklärt er. „Es war besser, als über mein Scheitern zu sprechen.” Solche launigen Bemerkungen wurden zu einem weiteren Markenzeichen, obwohl keine der beiden Techniken defensiv war. „Ich brauche keinen Schutz”, sagt er mit ernster Miene. „Meine Musik ist großartig. Sie muss nicht ernst sein, um gut zu sein, und ich auch nicht. Ich sehe das nicht als Hochkultur, sondern einfach als Songs. Sehr gute Songs natürlich!” Manchen gilt solche Respektlosigkeit als Zeichen von Authentizität, und wenn er uns erzählte, sein letztes Soloalbum Actually Good sei der Soundtrack zu einer abgebrochenen Fernsehserie gewesen, in der er einen grimmigen, maskierten Detektiv gespielt hätte, wer waren wir, das zu bestreiten? Lambert verbarg nichts.
Dennoch konnten nur wenige sagen, wer hinter der Maske steckte. Nahm man sie ab, war er nicht wiederzuerkennen, was weitere Fragen aufwarf. Wenn Lambert fort war, könnte seine Musik überleben? War sie noch seine, wenn er nicht im Verborgenen agierte? Um das herauszufinden, begann er, seine „Uniform” abzulegen, wenn auch nur mitten im Konzert, doch das erwies sich als bloße Ablenkung. Niemand hatte Tickets für die Maske gekauft. Erst später bemerkte er, wie sich das auf die Fans auswirkte.
„Wenn die Leute mein Gesicht sehen konnten, während wir uns unterhielten”, erinnert er sich, „hatten wir eine andere Art, uns zu verbinden.” Aber selbst wenn er Lambert hinter sich gelassen hatte, blieb er für das Publikum genau das. Es wurde verwirrend, vor allem als er erkannte, dass er auch als er selbst trotzdem eine Rolle spielte. Um den Mythos der Authentizität zu brechen, hatte er ihn ernst genommen, mit unvermeidlichen Folgen. „Wenn Leute mir sagen, ich solle in den sozialen Medien ich selbst sein, verstehe ich das wirklich nicht”, fügt er hinzu. „Das ist keine Authentizität.” Er war in einem Spiegelkabinett gefangen.
Glücklicherweise kam er zu einem Schluss. „Was zählt, ist weiterzumachen, was ich immer gemacht habe: mit Ideen zu spielen und dabei zu schreiben, nach Pop zu suchen, wo es nicht so viel davon gibt. All das andere Zeug ist nicht so wichtig.” Hier also die Schlagzeilen: Lambert ist zurück. Auf dem Cover des neuen Albums nimmt er die Maske ab, doch im Inneren ist er immer noch er selbst. Es ist weder Lambert, der Lambert ist, noch Lambert, der nicht Lambert ist. Wie vieles in seinem Werk ist es dasselbe und doch anders. Tatsächlich darf man wohl sagen, dass I AM NOT LAMBERT die ehrlichste Lüge ist, die Lambert je erzählt hat.
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Veranstalter:innen > zakk